Jeremiah Day, Gilta Jansen und Gordon Castellane, Megan Francis Sullivan, Daniela Töbelmann und Carola Keitel

Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund


Große Ereignisse von historischem Rang, kleine Geschichten des Alltags, die Kunstgeschichte selbst – wie setzen sich zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler mit dem Thema Geschichte auseinander? Welche Vergangenheit wird als die eigene anerkannt und für bedeutsam befunden, sei es aus kollektiver oder persönlicher Sicht? Solchen und ähnlichen Fragen hat sich die Gruppenausstellung »Some Issues of History« im Schloss Agathenburg bei Stade gewidmet. Die Schau stellte internationale künstlerische Positionen zusammen mit den Gewinnerinnen und Gewinnern des Daniel Frese Preis 2013 vor, der sich auf den gleichen Themenschwerpunkt – Geschichte – bezog. Für Berlin entsteht nun mit »Some Further Issues of History« eine ausschnitthafte Adaption der Ausstellung, in der Fakt und Fiktion, Archivfunde und Kreation miteinander einhergehen. – Ein Beitrag zur aktuellen Historiendebatte in der zeitgenössischen Kunst, der die Besucherinnen und Besucher auf affektiver, poetischer und zuweilen theatraler Ebene anspricht.

Der Eintritt ist frei.
Um Anmeldung zur Eröffnung wird gebeten: veranstaltungen@landesvertretung-niedersachsen.de

27. März – 06. April 2014


Eröffnung

Mittwoch, 26. März 2014, 19:00
Performance von Jeremiah Day

Programm

Staatssekretär Michael Rüter (Bevollmächtigter des Landes Niedersachsen beim Bund): Eröffnung und Begrüßung
Cornelia Kastelan und Valérie Knoll (KIM, Leuphana Universität Lüneburg): Einführung und Vorstellung des Daniel Frese Preis
Bettina Roggmann (Leiterin Schloss Agathenburg): Erinnerung an Agathenburg
Performance von Jeremiah Day (Künstler, Berlin)
Anschließend Empfang


Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund
In den Ministergärten 10
D-10117 Berlin
www.landesvertretung-niedersachsen.de
Anfahrt: U/S-Bahn Potsdamer Platz, Anfahrtsskizze

Öffnungszeiten: Mo–Fr 10:00–18:00


Die Ausstellung basiert auf einer Kooperation von KIM, Innovations-Inkubator der Leuphana Universität Lüneburg mit der Vertretung des Landes Niedersachsen beim Bund und der Kulturstiftung Schloss Agathenburg. Der Innovations-Inkubator wird von der EU im Rahmen des EFRE, Europäischer Fonds für regionale Entwicklung, sowie vom Land Niedersachsen gefördert.



Dirk Meinzer
Daniel Frese Preis für zeitgenössische Kunst 2014

Monika Jarecka
Daniel Frese Preis für zeitgenössische Kunst 2014, Kategorie Nachwuchs

Dirk Behrens
HAWOLI
Maria Mathieu
Auszeichnungen im Rahmen des Daniel Frese Preis 2014

(V.l.n.r.) HAWOLI, Cornelia Kastelan (Kuratorin KIM), Monika Jarecka, der Laudator Prof. Dr. Stefan Römer (Universität der Künste Berlin), Dirk Behrens, Dr. Christoph Behnke (Projektleiter KIM), Maria Mathieu, Dirk Meinzer und Stefanie Kleefeld (Co-Leiterin Halle für Kunst).
Foto: Hans-Jürgen Wege


Den Daniel Frese Preis für zeitgenössische Kunst 2014, der zum Thema »Leidenschaft« ausgeschrieben war, erhält Dirk Meinzer aus Deinste im Landkreis Stade.

Gewinnerin des Daniel Frese Preis für zeitgenössische Kunst 2014 im Bereich »Nachwuchs« ist Monika Jarecka aus Buchholz im Landkreis Harburg.

Mit den drei Auszeichnungen im Rahmen des Daniel Frese Preis geehrt wurden Dirk Behrens aus Harsefeld-Issendorf (Stade), HAWOLI aus Neuenkirchen (Heidekreis) und Maria Mathieu aus Sottrum (Rotenburg / Wümme).

Die Künstlerinnen und Künstler wurden am Donnerstag, 30. Januar 2014 im Huldigungssaal des historischen Rathaus der Hansestadt Lüneburg im Rahmen einer festlichen Preisverleihung gewürdigt. Das Lüneburger Rathaus beherbergt zahlreiche Werke jenes Malers der Spätrenaissance (1540–1611), Daniel Frese, dem der im Jahr 2011 lancierte Preis für zeitgenössische Kunst gewidmet ist.

Der Kritiker, Kunsthistoriker und Künstler Prof. Dr. Stefan Römer (Universität der Künste Berlin) hielt die Laudatio zu Ehren der Preisträger/innen und Ausgezeichneten. Als Kunstkritiker schrieb Stefan Römer für Zeitschriften wie Texte zur Kunst, Spex, Frieze und Springerin. In seiner jüngsten Buchpublikation (2014) beschäftigt er sich mit dem Begriff des »Inter-esses«, den er auf so etwas wie eine künstlerische Leidenschaft hin untersucht, welche er als den weltlichen, ihrerseits »leidenschaftsgesteuerten Interessen« wie Ruhm, Geld und Eros vorgängig beschreibt. Stefan Römer ist Träger des AdKV-Art-Cologne-Preis für Kunstkritik, den der Arbeitskreis deutscher Kunstvereine in Kooperation mit der Kölner Kunstmesse vergibt.

Die eigens zum diesjährigen Themenkomplex »Kunst und Leidenschaft« einberufene Jury, deren Urteil über die Vergabe der zwei Preise und drei Auszeichnungen bestimmte, setzte sich auch 2014 aus namhaften Vertreterinnen und Vertretern des Kunstfeldes zusammen. Den Juryvorsitz nahm Prof. Dr. Marie-Luise Angerer ein, die an der Hochschule für Medien und Künste Köln Professorin für Medien- und Kulturwissenschaften ist. Einen Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit stellen Forschungen zum »Begehren nach dem Affekt« dar, wie der Titel einer ihrer Buchpublikationen formuliert. Marie-Luise Angerer trat in diesem thematischen Zusammenhang mit zahlreichen Veröffentlichungen und Vorträgen in Erscheinung, ergänzt um Schwerpunkte zu Körper, Geschlecht und Politik. Im Jahr 2013 co-organisierte sie an der KHM in Köln das internationale Symposium »Timinig of Affect«. Weitere Mitglieder der Jury waren Jean-Claude Freymond-Guth von der Galerie Freymond-Guth Ltd. Fine Arts, Zürich (CH) sowie Lars Friedrich, der in Berlin die Galerie Lars Friedrich führt. Beide Galeristen sind international tätig und vertreten weltweit ausgestellte Künstlerinnen und Künstler. Mit der Kunstwissenschaftlerin Stefanie Kleefeld, die Co-Leiterin der Halle für Kunst Lüneburg eV ist, war zudem eine Vertreterin der Institution präsent, die in diesem Jahr als Kooperationspartner von KIM ihre Räumlichkeiten der Ausstellung mit den Preisträger/innen zur Verfügung stellt. Als interne Mitglieder der Jury waren schließlich die Co-Kuratorin der Ausstellung, Cornelia Kastelan, sowie der Projektleiter von KIM, Dr. Christoph Behnke, vertreten.

Am Freitag, 16. Mai 2014 eröffnet in der Halle für Kunst Lüneburg eV die Gruppenausstellung, welche die realisierten Arbeiten der zwei Daniel Frese Preisträger/innen zeigen und mit Positionen (inter-)nationaler Künstler/innen zusammenführen wird. Stefanie Kleefeld und Valérie Knoll stellten in ihrer Rede die Halle für Kunst vor. Es folgte die Ankündigung der Schau, die gemeinsam mit Cornelia Kastelan kuratiert wird. Entsprechend des Jahresthemas von KIM widmet sie sich »Kunst und Leidenschaft«.

Die beiden Preisgelder von jeweils 3000 Euro sind zur Produktion der künstlerischen Arbeit auf Grundlage des prämierten Entwurfs bestimmt. Nicht nur die zwei Preise, sondern auch die drei Auszeichnungen verschaffen den Geehrten u.a. über eine Kommunikation im Newsletter und auf der Website von »Art-Agenda« eine erhöhte Sichtbarkeit: »Art-Agenda« mit Sitz in New York erreicht eine professionelle Leserschaft von rund fünfzigtausend Institutionen und Akteuren der »globalisierten« Kunstwelt.

Der Projektleiter von KIM, Dr. Christoph Behnke, präsentierte in seinem Vortrag das Jahresthema von KIM. Er zitierte zudem aus der Begründung der Jury, die alle Einreichungen im Blick hat, wenn sie formuliert: »Leidenschaft wurde von den Künstlerinnen und Künstlern vielschichtig übersetzt. In vielen Fällen jedoch wurde sie als eine Dimension des künstlerischen Schaffens selbst gedeutet, also kein Thema, das dargestellt wird, sondern die Künstlerpersönlichkeit ist leidenschaftlich per se, sei dies im Umgang mit einem Thema, in der Herangehensweise an Natur und Landschaft, sei es die wiederholte Geste, das Immer-Wieder des künstlerischen Schaffensprozesses – als eine besondere Form der Intensität.« Christoph Behnke sprach allen Künstlerinnen und Künstlern, die sich beworben hatten, seinen Dank für ihre Beteiligung mit vielfach hochinteressanten Entwürfen am Daniel Frese Preis 2014 aus.

Das von der Europäischen Union geförderte Projekt KIM im Innovations-Inkubator der Leuphana Universität Lüneburg zielt auf die Stärkung der zeitgenössischen bildenden Kunst in der Inkubator-Projektregion und hat den Daniel Frese Preis, mit dem bildende beziehungsweise visuelle Künstler/innen gewürdigt werden, 2011 ins Leben gerufen. Verliehen wird dieser Preis alljährlich für herausragende Entwürfe neuer künstlerischer Arbeiten. Der Daniel Frese Preis wird zu jährlich wechselnden Themen ausgelobt, auf die sich auch die jeweiligen Ausstellungen beziehen. Die Auszeichnung erhalten jeweils zwei Künstler/innen, die einen Wohnsitz in einem der elf Landkreise der Projektregion haben. Diese erstreckt sich auf die Landkreise Celle, Cuxhaven, Harburg, Heidekreis, Lüchow-Dannenberg, Lüneburg, Osterholz, Rotenburg (Wümme), Stade, Verden und Uelzen sowie auf die Hansestadt Lüneburg.


Dirk Meinzer
Daniel Frese Preis 2014

Den Daniel Frese Preis 2014, der zum Thema »Leidenschaft« ausgeschrieben war, erhält der Künstler Dirk Meinzer für den von ihm eingereichten Entwurf »Eros und die Bienen«. Die Jury zeigte sich überzeugt von seinem Vorschlag und begründet ihr Urteil: »Dirk Meinzer hat besonders die Intensität künstlerischen Schaffens im Blick, wenn er unzählige Bienen, die ihm, weil gestorben, von einem Imker aus der Gegend hier überlassen worden sind, zum Tanzen bringen will. Hierfür kreiert er eine Art tableau vivant, auf dem die Bienenflügel wie Blumenblüten ihre Leuchtkraft entfalten.«

Dabei zum Einsatz gekommene phosphoreszierende Stoffe zeigen tagsüber eine fade Farbgebung, während sie im Dunkeln Energie in Form von Strahlung, einem Nachleuchten, abgeben. Materialien – natürliche, etwa animalischen oder vegetabilen Ursprungs, ebenso wie anthropogene – stellen einen Ausgangspunkt von Meinzers künstlerischer Praxis dar. Sie finden sich, auf ihre vielfältigen Verwandlungsmöglichkeiten hin untersucht, in ganz eigenen Orchestrierungen wieder. Die teils »magischen« Verbindungen, die sie darin eingehen, erschöpfen sich jedoch nicht in der schieren Präsenz von Objekthaftigkeit. Vielmehr transzendieren sie ihr Jetzt durch die ihnen eigenen »Leiden(schafts)sgeschichten« einem Prisma gleich: Im vorliegenden Entwurf etwa spielt der Titel auf die griechisch-römische Mythologie an, die historisch von Poesie und Bildender Kunst gleichermaßen aufgegriffen wurde. Bekannt ist das Motiv des von einer Biene gestochenen Amor, das in Werken von Lucas Cranach d. Ä., Albrecht Dürer oder Clemens von Zimmermann verarbeitet wurde, aber auch in der Tradition einer bestimmten Lyrik, der Anakreontik, durch Ludwig C.H. Hölty oder Gotthold Ephraim Lessing. Farbfeldartige Abstraktionen, die der Künstler seinen Collagen zugrunde legt, verweisen zudem auf sein genuines Feld, die Kunst selbst.

Mit den toten Bienen abgenommenen Flügeln ruft Meinzer nicht nur »Natur« und Faszination für ihre Schönheit an, sondern im Sinne eines abjektiven Verhältnisses auch Abscheu und Ekel vor ihr und damit zugleich kulturtheoretische, psychoanalytische Diskurse. Strukturen heimlich oder verschlüsselt ausgetragenen Begehrens – die nachts tanzenden Bienen, der seinerseits gestochene Amor, das künstlerische Pathos überhaupt – lässt Meinzer so kontrolliert implodieren.

Davon zeugen zudem ironisch-dekorative Kommentare, in denen vergleichbare seiner tableaux zum »femininen« Interieur mutieren, etwa in ein Fensterbild-im-Bild, einen schwebenden Duschvorhang oder einen mit Blütenaufklebern verzierten Rechner. Leidenschaftlichkeit wird in lakonischer Geste auf ihren Platz als Phänomen des Alltags, gar abstoßenden Kitsches verwiesen. Sie kann nur in der »Kunst« bleiben, insofern diese sich stillschweigend dem Bruch mit dem Sakrosankten hingibt, um Ambivalenzen von Begehren und Abscheu, künstlerischem Pathos und Nippes zu durchleben und gerade damit Leidenschaftlichkeit einer angemessenen Kritik auszusetzen. – »Libido artistica«, Abjektion und Kitsch präsentieren sich als zarte Tafelbilder. Die Jury schließt ihre Einschätzung mit den Worten: »Meinzer bezieht sein found footage aus der Lüneburger Landschaft, um diese – in neuer, beinahe lebendiger Form – ihre eigenartig-faszinierende Wirkung sich entfalten zu lassen.«

Dirk Meinzer, 1972 in Karlsruhe geboren, lebt und arbeitet in Deinste und Hamburg. Er diplomierte 2004 an der Hochschule für bildenden Künste Hamburg im Bereich Freie Kunst bei Claus Böhmler. Zuvor hatte er in Berlin einige Semester Betriebswirtschaftslehre und Philosophie studiert. Zwischen 2010 und 2011 nahm Meinzer einen Lehrauftrag an der HFBK Hamburg wahr. Der Künstler war u.a. HAP Grieshaber Stipendiat in Reutlingen (2011), bezog ein Atelier- und Arbeitsstipendium der AZB Zürcher Bildhauer (2010), erhielt ein Atelierstipendium im Goldbekhaus, Hamburg (2008) und ein Hamburger Arbeitsstipendium für Bildende Kunst (2007). Außerdem wurde er als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes gefördert, darunter mit einem Reisestipendium für einen Aufenthalt in Tansania, den er für eigene Studien nutzte (2000–2004 und 2006). Arbeiten Dirk Meinzers waren bislang zu sehen u.a. im Kunstmuseum Stade, in der Galerie St. Gertrude Hamburg, der Städtischen Galerie Reutlingen, der Galerie Feldbuschwiesner Berlin, im message salon in der Perla-Mode Zürich (CH), in der Galerie Olaf Stüber Berlin, im Van Abbemuseum Eindhoven (NL), in der Kunsthalle Göppingen, im Kunstverein St. Pauli Hamburg sowie der Galerie Oel-Früh Hamburg; mit der Gruppe friends and lovers in underground war er zudem präsent u.a. im 59 Rivoli Paris (F) und im Kunsthaus Jesteburg.


Monika Jarecka
Daniel Frese Preis 2014, Kategorie Nachwuchs

In Monika Jareckas Entwurf mit dem Titel »Setting« steht die Frage nach der Sicht- oder Unsichtbarkeit jener scheinbar radikal subjektiv geprägten emotionalen Disposition »Leidenschaft« sowohl im künstlerischen Arbeitsprozess wie auch im Werk selbst in Vordergrund. Sie fragt: »Läßt sich Leidenschaft während der künstlerischen Arbeit an einer Thematik verorten? Und wenn ja, kann man jene Energie für Außenstehende sicht- und begreifbar machen? Oder ist leidenschaftliche Tätigkeit im Produkt der künstlerischen Arbeit erkennbar?«

In ihrem Entwurf schlägt Monika Jarecka vor, ihre Arbeit während den ersten fünf Tagen der laufenden Ausstellung vor Ort zu verfertigen und so den Betrachter/innen Einblick in den Produktionsprozess, der sich normalerweise im Unsichtbaren vollzieht, zu ermöglichen. So heißt es in der Begründung der Jury: »Monika Jarecka versteht Leidenschaft als »Leidenschaft des künstlerischen Arbeitens«, welches sie in einer Performance zur Diskussion stellen wird. Wände werden von ihr bemalt, wieder gelöscht, wieder bemalt, wieder gelöscht, wieder bemalt, um auf diese Weise die oftmals sisyphoshafte Energie künstlerischer Arbeit für das Publikum sichtbar werden zu lassen.«

In ihrer Arbeit, die auf einer einfachen Handlungsanweisung basiert, wird sie auf zwei frei im Raum stehenden Leinwänden eine abstrakte Farbfeldmalerei anfertigen und diesen Produktionsprozess von einer montierten Kamera filmisch dokumentieren lassen. Die Malerei wird dabei durch das stetige Auftragen einer Farbfläche und deren durch Wasserauftrag unmittelbare Auslöschung entstehen. Der Lösch-Akt führt hierbei nicht zu einer Leere, sondern hinterlässt Spuren und Schichten, die sich palimpsest-artig zu einem Farbraum entwickeln. Leidenschaft manifestiert sich in diesem selbstauferlegten Ritual zwischen vermeintlich sinnloser (dem Löschen) und sinnvoller Tätigkeit (dem Auftragen) in einer Art »meditativem Expressionismus«. Dieser beansprucht jedoch nicht psychologisch-pathetisch aufgeladen zu sein, sondern ist eher von wohltuend zurückhaltender Nüchternheit. Denn obzwar »Setting« mit einer bewusst zusammengestellten Farbpalette gemalt wird und in diesen ineinander »Rothko-esk« verschwimmenden Farbräumen auch farbpsychologische Intentionen vermutet werden könnten, zentriert gerade der performative Aspekt der Arbeit den Blick stärker auf die durchaus auch kritisch gehaltene Frage, was dieser schöpferische Antrieb, die Leidenschaft überhaupt sein kann. Wo manifestiert sie sich und ist sie genügend Legitimation, um Kunst als sinnhaft und existentiell notwendig zu begründen?

Monika Jarecka hat die Jury mit ihrem in einem performativen »Setting« angelegten Entwurf überzeugt, mit dem sie sich mit der Leidenschaft künstlerischer Produktion auf zeitlose wie auch zeitgemäße Weise zugleich auseinandersetzt: das eigene künstlerische Tun, wie auch das Kunstwerk, in dem Sinn und Un-sinn, Emotionalität und Rationalität konvergieren, als notwendig anzuerkennen – dies jedoch bei gleichzeitig distanziertem Bewusstsein um die Fragilität und Flüchtigkeit des Hervorgebrachten.

Monika Jarecka, geboren 1975, diplomierte 2005 als Meisterschülerin der Malerei-Klasse von Katharina Grosse an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Sie verbrachte zudem 2004/2005 ein Jahr an der Städelschule in Frankfurt am Main, wo sie bei Michael Krebber Malerei und bei Tobias Rehberger Bildhauerei studierte. Im Jahr 2004 begab sie sich für Studien an das Chelsea College of Art and Design nach London. Die Künstlerin war 2002–2004 Stipendiatin der Studienstiftung des Deutschen Volkes, 2004 wurde diese Förderung um ein Projektstipendium dieser Stiftung für New York ausgeweitet. Arbeiten von Monika Jarecka waren bislang zu sehen in Berlin u.a. in der Temporären Kunsthalle, der galerie weißer elefant und der forgotten bar sowie in der Kunsthalle Brennabor des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg, im Saarländischen Künstlerhaus Saarbrücken sowie in der Galerie Steinle Contemporary München.

www.monikajarecka.com


Dirk Behrens
Auszeichnung

Dirk Behrens wird von der Jury für seinen offenen Werkkomplex mit dem als programmatisch zu bezeichnenden Titel »Ohne Titel« mit einer Auszeichnung gewürdigt. Dem großen Begriff »Leidenschaft«, der durchaus nebulöse künstlerische Intentionen wie auch Pathosformeln assoziieren lässt, stellt Dirk Behrens kontrapunktisch kleinformatige, in Postkartengröße gehaltene Malereien mit einfachen Motiven entgegen. »Mein Beitrag«, so der Künstler selbst, »steht im Gegensatz zu der großen Pose, die im künstlerischen Umgang mit dem Thema Leidenschaft zu erwarten und zu befürchten ist.«

Neben seinen Arbeiten in mittleren bis großen Formaten beschäftigt sich Dirk Behrens, der sich dezidiert dem Medium Malerei verschrieben hat, seit vielen Jahren mit den Möglichkeiten des kleinen Formats, der Miniatur, des Ausschnitts, die per se keine hehren Gesten – wie so häufig in der Malereigeschichte geschehen – zulassen. Vielmehr, begründet die Jury ihre Entscheidung, »exploriert Behrens den kleinen Bildraum, der den Blick auf das Kleine, Intime und Unscheinbare eröffnet«. Behrens Malereien stellen alltägliche Szenen, teils auch Ausstellungssituationen dar, die aber nicht immer eindeutig identifiziert werden können. Vielfach treten Menschenfiguren und -gruppierungen zutage, die durch den abstrahierenden Malstil des Künstlers gesichtslos und schemenhaft verbleiben. Dirk Behrens verleiht seinen Impressionen und Imaginationen flüchtiger und meist unspektakulärer Momente eine melancholische Präsenz. Er vermag es zugleich, seine Eindrücke in Bilder zu übersetzen, denen gerade in ihrer Einfachheit etwas durchaus Existenzielles anhaftet. Diese feinfühlige und leidenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Flüchtigen des Alltäglichen hat die Jury einstimmig dazu gebracht, Dirk Behrens eine Würdigung zu verleihen.

Dirk Behrens, der an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig Bildende Kunst studiert hat, ist seit Beginn der 1990er Jahre als freischaffender Maler und Grafiker tätig. Arbeiten des Künstlers waren u.a. zu sehen im Kunstverein Rotenburg an der Wümme, im Schloss Agathenburg bei Stade, im Espace d’Art Contemporain International, in Lorrez-le-Bocage (F), in der Galerie am Modersohn-Haus, Worpswede, im Kunstverein Baden-Württemberg, Stuttgart. Für seine Arbeit hat er u.a. den ersten Emder Kunstpreis erhalten, sowie den Kunstpreis der Dr. Marlene Trentwedel-Stiftung, Bremervörde.

www.dirkbehrens.de


HAWOLI
Auszeichnung

Für seinen Entwurf »Erinnerung« erhält HAWOLI im Rahmen des Daniel Frese Preis 2014 eine Auszeichnung. Die Jury zeigte sich überzeugt von seinem Vorschlag, frühere seiner Fotoserien aufzugreifen, weiterzubearbeiten, mit neuen Aufnahmen zu verbinden und daraus eine eigene, aktualisierte Konstellation zu entwickeln. Ansatzpunkt stellt dabei die 1978 aufgenommene schwarz-weiß Serie »Gesa« dar. In neun Schritten nähert sich der Künstler darin seinem Modell an. Während dieses Auf-sie-Zukommen und die partielle Entblößung des Modells eine gewisse Intimität herstellen, setzt in größter Nähe ein veränderter Prozess ein: Das Bild von »Gesa« löst sich auf und vervielfacht sich – ein optisches Phänomen, das an Antonionis Blow-Up-Effekt erinnert. Es handelt sich, so die Jury, um »ein Gesicht, immer größer, bis seine Konturen verschwinden, um sich als neues Muster von Schatten und Licht zu zeigen.« Für den zweiten Teil seines Entwurfs sieht HAWOLI die Verwendung der ebenfalls schwarz-weißen Probeaufnahmen zu »Gesa« vor, die sich auf Büttenpapier in malerische Fotografien verwandeln, wenn sie unterschiedlichen Belichtungszeiten wie auch Kolorierungen ausgesetzt werden. Diese Quelle der Evokation unterschiedlicher Stimmungen verschiebt der Künstler im dritten Part seiner Arbeit.

Den Abschluss soll schließlich eine große Farbfotografie bilden, die ihrerseits wechselnd farbigem Lichteinfall ausgesetzt ist. Oszillierende Atmosphären sind damit nicht mehr im Werk selbst angelegt, sondern stellen sich als Frage des Beiwerks heraus. Die Jury sieht in dem Entwurf »Nähe und Distanz als abwechselnde Bewegungen, die sich auch in der Materialverschiedenheit (Büttenpapier) fortsetzt.« Sie erkennt würdigend HAWOLIs experimentelles Spiel mit Dokumentation und Manipulation, Reminiszenzen und Sichtbarkeiten an, vergangenen und sich retroaktiv stets verändernden Sehnsuchtskonstellationen.

HAWOLI, geboren 1935 in Bleckede an der Elbe, lebt und arbeitet in Neuenkirchen. Er studierte zunächst Ingenieurwesen, bevor er an die Folkwangschule Essen wechselte, die heutige Folkwang Universität der Künste. 1990 ergänzte er seine Studien um einen Aufenthalt in der Cité Internationale des Arts, Paris (F). Der Künstler erhielt 1964 im Rahmen des Prix Europe de Peinture, Ostende, die Médaille d’argent sowie im selben Jahr den Kunstpreis der Stadt Gelsenkirchen. HAWOLI war 1968 Stipendiat des Kulturkreises der Deutschen Industrie und empfing 1985 ein Niedersächisches Künstlerstipendium. Objekte, Skulpturen und Fotoarbeiten HAWOLIs waren bzw. sind an zahlreichen Orten im Innen- und Außenraum zu sehen, so etwa im Kunstverein Rotenburg, im Museum Schloss Fellenberg Merzig, in der Galerie Vom Zufall und vom Glück Hannover, im Kunstverein Heidelberg, im Kunstverein Gelsenkirchen, in der Städtischen Galerie Bremen, im Badischen Kunstverein Karlsruhe, der Galleria d’Arte Moderne, Gaeta (I), im Lenbachhaus München, der Galerie Senatore Stuttgart, Galerie Heseler München, Galerie Maywald Paris (F) sowie Galerie Falazik Bochum wie auch im Kunstverein Springhornhof Neuenkirchen. Bekannt ist zudem HAWOLIS zweiteiliges Skulpturenensemble »Fragment« am Haus des Reichs in Bremen.

www.hawoli.de


Maria Mathieu
Auszeichnung

Für ihren Entwurf zu der konzeptuellen Zeichnung »Wie lang ist ein Weg No 3« erhält Maria Mathieu eine Auszeichnung. Die Jury fasst den überaus anerkennenswerten Vorschlag der Künstlerin wie folgt zusammen: »Maria Mathieu ist während eines Studienaufenthaltes von Marseille nach Lourdes gewandert und hat jeden Schritt ihres Gehens dokumentiert, festgehalten in einer strengen Linearität, die ihr Fort-schreiten unterstreicht.«

Die handgezeichneten, endlos scheinenden Pigmentstift-Striche, in langen Reihen zeilenweise notiert, stellen das Ergebnis eines vorher genau definierten, mehrstufigen Prinzips dar. Während der 46-tägigen Wanderung hielt Maria Mathieu Tag für Tag die gegangenen Stunden und zurückgelegten Kilometer fest, die sich schließlich auf 860 summierten. Mittels einer Formel rechnete sie hinterher die gegangenen Schritte aus. Die Umsetzung der Gleichung, nach der pro Schritt ein Strich zu zeichnen ist, folgt einem Arbeitsplan, mit dem die Künstlerin sich täglich eine sechsstündige Produktivität auferlegt, während derer sie dem Zusammenspiel von Körper und Material, Puls- und Zeichenrhythmen nachfühlt. Die retrospektiv angelegte Übertragung der Wanderung in einen visualisierten Code verankert die Künstlerin zugleich im Gegenwärtigen des künstlerischen Prozesses, wenn eine Tonaufnahme dabei entstehende Arbeitsgeräusche dokumentiert, die als akustisches Element mit den Zeichnungen zu präsentieren ist. Maria Mathieus Arbeit echot somit zwei Vergangenheiten und ist zugleich in einer so elegisch wie systematisch anmutenden Repetition präsent.

Die Jury formuliert: »Jeder Kilometer, jede Stunde, jeder Tag werden auf diese Weise zu einer intensiv-leidenschaftlichen Liniengeraden.« Die Funktionalität von Informationssystemen, auf die Mathieus künstlerische Praxis anspielt, findet sich in dieser »Ästhetik der Administration« (Benjamin Buchloh) subvertiert. Doch nicht nur entzieht sie sich der direkten Verwertbarkeit, sondern Affekt und Obsession, Körper und Materie bringen sich hier auf andere Weise wieder mit ins Spiel. Die Arbitrarität einer ideogrammatischen Notation weicht der Präsenz des Rasters, abstrakte Elemente verdichten sich zu einer Realität eigener Art, die mit jener, die sie dokumentiert, zutiefst verbunden ist.

Maria Mathieu, geboren 1948 in Saarlouis (damals F), lebt und arbeitet in Sottrum. Sie studierte Bildende Kunst an der Hochschule für Künste Bremen bei Rolf Thiele und Katharina Hinsberg sowie an der École des Beaux Arts in Toulouse (F), bevor sie in Bremen bei Katharina Hinsberg und Jeanne Faust mit einem Meisterdiplom abschloss. Sie war 2013 Artist in Residence im Glurns Art Point (GAP) bei Bozen (I), erhielt 2012 Förderungen der GEDOK Bremen und vom Senator für Kultur Bremen sowie Stipendien vom Kunstfonds des Landes Salzburg wie auch der Stadt Bremerhaven. Die Künstlerin war zudem 2009 Arbeitsstipendiatin der Schwabenakademie Augsburg. Arbeiten Maria Mathieus, die sich vor ihrer künstlerischen Ausbildung literarisch betätigte, waren bisher u.a. zu sehen im GAP bei Bozen (I), in der Galerie Klaus Braun Stuttgart, im Neuen Kunstverein Worpswede, in der GAK Gesellschaft für aktuelle Kunst Bremen, im Künstlerhaus Cuxhaven, in der Kulturstiftung Schloss Agathenburg, im Rahmen der C.A.R. Contemporary Art Ruhr, Bereich Talente, in der Zeche Zollverein in Essen, in der Kunsthalle am Hamburger Platz Berlin sowie bei der Landeskunstausstellung des BBK Niedersachsen in Aurich.

www.mariamathieu.de


– Texte: Cornelia Kastelan, Valérie Knoll





Der Innovations-Inkubator wird von der EU im Rahmen des EFRE, Europäischer Fonds für regionale Entwicklung, sowie vom Land Niedersachsen gefördert.

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